Praktisch Unpraktisches
Evolution funktioniert nicht zielgerichtet. Wo immer eine isolierte Entwicklung stattfand, entstanden merkwürdige, wahnsinnig unpraktische Verhaltensweisen und Ausstattungen. Ein wunderbares Beispiel ist der Kakapo in Neuseeland. Das ist ein flugunfähiger Papagei, der seine Nester am Boden baut.
Das war zwar nicht sehr fortschrittlich, aber völlig egal, bis die Katzen kamen. Viel ungeschickter als sein Brutverhalten ist aber sein Balzverhalten. Wenn es Zeit wird, das Nest zu füllen, stellt sich der männliche Kakapo hin und schreit wochen- bis montelang “Booom” in einem Tonbereich von weit unter 100 Hertz. Sozusagen als Kontrafagott der Natur.
http://www.arkive.org/kakapo/strigops-habroptila/video-13.html
Das Interessante am Kontrafagott ist aber, dass es völlig egal ist, wo es sitzt, da unsere Ohren zu nahe beieinander sind, dass wir seine tiefen Töne lokalisieren könnten. Genau derselbe Effekt betrifft den Kakapo.
Zur Balzzeit irrt also ein Kakapo-Weibchen durch die Wildnis und hört, dass irgendwo ein männlicher Kakapo sitzt und lautstark auf sie wartet. Irgendwann stolpert sie zufällig über einen drüber, ist dann aber zu erschöpft, um ihm zu sagen, was er für ein Trottel ist. Kakapos haben in dieser Hinsicht etwas durchaus Menschliches. Menschenweibchen sagen ihren Männchen auch nur selten, was diese für idiotische Verhaltensweisen haben. Aber seis drum.
Die Alpenbewohner haben durch ihre Isoliertheit ebenfalls Kakapo-würdige Gewohnheiten kultiviert. Wie wir wissen, kreieren Menschen mit Vorliebe regionaltypische Speisen. Die Mailander und Wiener ihr paniertes Schnitzel, Belgier die Pommes und Berliner die Currywurst. Nun eignen sich fast alle Gerichte dieser Welt auch für den Verzehr in steilem Gelände. Ausser einem: Knödel. ——————————————–. Hier musste eine Pause folgen, weil jedes Wort den erhabenen Moment der Erkenntnis zerstörte.
Alpenbewohner machen aus allem und vor allem Knödel. Und je alpiner sie sind, desto knödeliger ihre Fokussierung auf denselben. Tirol als hundertprozentiges Alpenland ist auch ein hundertprozentiges Knödelland und somit gilt ein Knödel in ansonsten leerer Rindssuppe nicht nur als als vollständige Mahlzeit, sondern überhaupt als DIE Mahlzeit, nämlich als der Tirolerknödel.
Hunderte Volkskundler haben sich den Kopf drüber zerbrochen, was denn der Grund für die Knödelaffinität der Alpen sein könnte und welcher versteckte Vorteil denn aus der Kombination Berg/Knödel erwächst. Ohne Erfolg. Es gibt natürlich keinen Grund, warum man ausgerechnet in Bergen Speisen fabriziert, die gerne davonrollen. Zumindest ist es nicht vorteilhaft.
Aber wie wir vom Kakapo lernen, haben Gewohnheiten und Verhaltensweisen nicht immer einen Grund. Manchmal tun Lebewesen Dinge, die unvernünftig sind. Und sie existieren trotzdem weiter. Die Eingeborenen haben in den Alpen gelernt, das Essen nicht auf den schiefen Boden zu werfen und haben es überlebt. Das vielleicht Allermenschlichste an uns ist ja, dass wir manchmal im Gegensatz zum Kakapo wissen, das unser Tun unvernünfitg ist und uns diebisch darüber amüsieren können.
Und wenn die Knödel dann noch so unverschämt schmecken, dann darf die Wirtin auch was dran verdienen. Mahlzeit!



30. April 2011 







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